Musterbeispiel für zündende Rhetorik

Die Macht der Suggestion

Nach der Ermordung Caesars bejubelt das Volk Brutus.

Antonius darf reden, das Volk wird ihn töten falls er ein einziges böses Wort über Brutus loslässt.

Die Rede ist ein Meisterstück der Suggestion und der Rhetorik. Sie enthält unter anderem tranceinduzierende Formulierungen. Antonius kippt die Stimmung in das völlige Gegenteil. Die von ihm angewendeten rhetorischen Tricks und Kniffe sind heute noch gültig. Sie werden durchaus auch verwendet in Therapien oder auch im, ich kann’s nicht mehr hören, NLP.

Antonius lobt Brutus immer wieder.. wie ein meisterhafter Spin Doktor kippt Antonius die Stimmung des Volkes, die Stimmung wendet sich sachte gegen Brutus…das Volk wird rebellisch… das Volk wendet sich gegen Brutus und seine Jünger… das Volk beginnt zu rasen… das Volk tobt…

ANTONIUS.

Mitbürger! Freunde! Römer! hört mich an:

Begraben will ich Cäsarn, nicht ihn preisen.

Was Menschen Übles tun, das überlebt sie,

Das Gute wird mit ihnen oft begraben.

So sei es auch mit Cäsarn! Der edle Brutus

Hat euch gesagt, daß er voll Herrschsucht war;

Und war er das, so war’s ein schwer Vergehen,

Und schwer hat Cäsar auch dafür gebüßt.

Hier, mit des Brutus Willen und der andern

(Denn Brutus ist ein ehrenwerter Mann, –

Das sind sie alle, alle ehrenwert!)

Komm‘ ich, bei Cäsars Leichenzug zu reden.

Er war mein Freund, war mir gerecht und treu:

Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,

Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.

Er brachte viel Gefangne heim nach Rom,

Wofür das Lösegeld den Schatz gefüllt.

Sah das der Herrschsucht wohl am Cäsar gleich?

Wenn Arme zu ihm schrien, so weinte Cäsar:

Die Herrschsucht sollt‘ aus härterm Stoff bestehn.

Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,

Und Brutus ist ein ehrenwerter Mann.

Ihr alle saht, wie am Lupercusfest

Ich dreimal ihm die Königskrone bot,

Die dreimal er geweigert. War das Herrschsucht?

Doch Brutus sagt, daß er voll Herrschsucht war,

Und ist gewiß ein ehrenwerter Mann.

Ich will, was Brutus sprach, nicht widerlegen,

Ich spreche hier von dem nur, was ich weiß.

Ihr liebtet all‘ ihn einst nicht ohne Grund:

Was für ein Grund wehrt euch, um ihn zu trauern?

O Urteil, du entflohst zum blöden Vieh,

Der Mensch ward unvernünftig! – Habt Geduld!

Mein Herz ist in dem Sarge hier beim Cäsar,

Und ich muß schweigen, bis es mir zurückkommt.

ERSTER BÜRGER.

Mich dünkt, in seinen Reden ist viel Grund.

ZWEITER BÜRGER.

Wenn man die Sache recht erwägt, ist Cäsarn

Groß Unrecht widerfahren.

DRITTER BÜRGER.

Meint ihr, Bürger?

Ich fürcht‘, ein Schlimmrer kommt an seine Stelle.

VIERTER BÜRGER.

Habt Ihr gehört? Er nahm die Krone nicht:

Da sieht man, daß er nicht herrschsüchtig war.

ERSTER BÜRGER.

Wenn dem so ist, so wird es manchem teuer

Zu stehen kommen.

ZWEITER BÜRGER.

Ach, der arme Mann!

Die Augen sind ihm feuerrot vom Weinen.

DRITTER BÜRGER.

Antonius ist der bravste Mann in Rom.

VIERTER BÜRGER.

Gebt acht, er fängt von neuem an zu reden!

ANTONIUS.

Noch gestern hätt‘ umsonst dem Worte Cäsars

Die Welt sich widersetzt: nun liegt er da,

Und der Geringste neigt sich nicht vor ihm.

O Bürger! strebt‘ ich, Herz und Mut in euch

Zur Wut und zur Empörung zu entflammen,

So tät‘ ich Cassius und Brutus Unrecht,

Die ihr als ehrenwerte Männer kennt.

Ich will nicht ihnen Unrecht tun, will lieber

Dem Toten Unrecht tun, mir selbst und euch,

Als ehrenwerten Männern, wie sie sind.

Doch seht dies Pergament mit Cäsars Siegel:

Ich fand’s bei ihm, es ist sein letzter Wille.

Vernähme nur das Volk dies Testament

(Das ich, verzeiht mir, nicht zu lesen denke),

Sie gingen hin und küßten Cäsars Wunden,

Und tauchten Tücher in sein heil’ges Blut,

Ja bäten um ein Haar zum Angedenken,

Und sterbend nennten sie’s im Testament,

Und hinterließen’s ihres Leibes Erben

Zum köstlichen Vermächtnis.

VIERTER BÜRGER.

Wir wollen’s hören: lest das Testament!

Lest, Mark Anton!

BÜRGER.

Ja ja, das Testament!

Laßt Cäsars Testament uns hören!

ANTONIUS.

Seid ruhig, lieben Freund‘! Ich darf’s nicht lesen:

Ihr müßt nicht wissen, wie euch Cäsar liebte.

Ihr seid nicht Holz, nicht Stein, ihr seid ja Menschen;

Drum, wenn ihr Cäsars Testament erführt,

Es setzt‘ in Flammen euch, es macht‘ euch rasend.

Ihr dürft nicht wissen, daß ihr ihn beerbt,

Denn wüßtet ihr’s, was würde draus entstehn?

BÜRGER.

Lest das Testament! Wir wollen’s hören, Mark Anton!

Lest das Testament! Cäsars Testament!

ANTONIUS.

Wollt ihr euch wohl gedulden? wollt ihr warten?

Ich übereilte mich, da ich’s euch sagte.

Ich fürcht‘, ich tu‘ den ehrenwerten Männern

Zu nah, von deren Dolchen Cäsar fiel;

Ich fürcht‘ es.

VIERTER BÜRGER.

Sie sind Verräter: ehrenwerte Männer!

BÜRGER.

Das Testament! Das Testament!

ZWEITER BÜRGER.

Sie waren Bösewichter, Mörder! DasTestament!

Lest das Testament!

ANTONIUS.

So zwingt ihr mich, das Testament zu lesen?

Schließt einen Kreis um Cäsars Leiche denn:

Ich zeig‘ euch den, der euch zu Erben machte.

Erlaubt ihr mir’s? Soll ich hinuntersteigen?

BÜRGER.

Ja, kommt nur!

ZWEITER BÜRGER.

Steigt herab!

Er verläßt die Rednerbühne.

DRITTER BÜRGER.

Es ist euch gern erlaubt.

VIERTER BÜRGER.

Schließt einen Kreis herum!

ERSTER BÜRGER.

Zurück vom Sarge! Von der Leiche weg!

ZWEITER BÜRGER.

Platz für Antonius! für den edlen Antonius!

ANTONIUS.

Nein, drängt nicht so heran! Steht weiter weg!

BÜRGER.

Zurück! Platz da! Zurück!

ANTONIUS.

Wofern ihr Tränen habt, bereitet euch,

Sie jetzo zu vergießen! Diesen Mantel,

Ihr kennt ihn alle; noch erinnr‘ ich mich

Des ersten Males, als ihn Cäsar trug,

In seinem Zelt, an einem Sommerabend –

Er überwand den Tag die Nervier –

Hier, schauet! fuhr des Cassius Dolch herein;

Seht, welchen Riß der tück’sche Casca machte!

Hier stieß der vielgeliebte Brutus durch;

Und als er den verfluchten Stahl hinwegriß,

Schaut her, wie ihm das Blut des Cäsar folgte,

Als stürzt‘ es vor die Tür, um zu erfahren,

Ob wirklich Brutus so unfreundlich klopfte:

Denn Brutus, wie ihr wißt, was Cäsars Engel. –

Ihr Götter, urteilt, wie ihn Cäsar liebte!

Kein Stich von allen schmerzte so wie der.

Denn als der edle Cäsar Brutus sah,

Warf Undank, stärker als Verräterwaffen,

Ganz nieder ihn: da brach sein großes Herz,

Und in den Mantel sein Gesicht verhüllend,

Grad‘ am Gestell der Säule des Pompejus,

Von der das Blut rann, fiel der große Cäsar.

O meine Bürger, welch ein Fall war das!

Da fielet ihr und ich; wir alle fielen,

Und über uns frohlockte blut’ge Tücke.

O ja! nun weint ihr, und ich merk‘, ihr fühlt

Den Drang des Mitleids: dies sind milde Tropfen.

Wie? weint ihr, gute Herzen, seht ihr gleich

Nur unsers Cäsars Kleid verletzt? Schaut her:

Hier ist er selbst, geschändet von Verrätern!

ERSTER BÜRGER.

O kläglich Schauspiel!

ZWEITER BÜRGER.

O edler Cäsar!

DRITTER BÜRGER.

O jammervoller Tag!

VIERTER BÜRGER.

O Buben und Verräter!

ERSTER BÜRGER.

O blut’ger Anblick!

ZWEITER BÜRGER.

Wir wollen Rache, Rache! Auf und sucht!

Sengt! Brennt! Schlagt! Mordet! Laßt nicht einen leben!

ANTONIUS.

Seid ruhig, meine Bürger!

ERSTER BÜRGER.

Still da! Hört den edlen Antonius!

ZWEITER BÜRGER. Wir wollen ihn hören, wir wollen ihm folgen, wir wollen für ihn sterben.

ANTONIUS.

Ihr guten lieben Freund‘, ich muß euch nicht

Hinreißen zu des Aufruhrs wildem Sturm.

Die diese Tat getan, sind ehrenwert.

Was für Beschwerden sie persönlich führen,

Warum sie’s taten, ach! das weiß ich nicht.

Doch sind sie weis‘ und ehrenwert, und werden

Euch sicherlich mit Gründen Rede stehn.

Nicht euer Herz zu stehlen komm‘ ich, Freunde:

Ich bin kein Redner, wie es Brutus ist,

Nur, wie ihr alle wißt, ein schlichter Mann,

Dem Freund ergeben, und das wußten die

Gar wohl, die mir gestattet, hier zu reden.

Ich habe weder Schriftliches noch Worte,

Noch Würd‘ und Vortrag, noch die Macht der Rede,

Der Menschen Blut zu reizen; nein, ich spreche

Nur gradezu, und sag‘ euch, was ihr wißt.

Ich zeig‘ euch des geliebten Cäsars Wunden,

Die armen stummen Munde, heiße die

Statt meiner reden. Aber wär‘ ich Brutus,

Und Brutus Mark Anton, dann gäb‘ es einen,

Der eure Geister schürt‘, und jeder Wunde

Des Cäsar eine Zunge lieh‘, die selbst

Die Steine Roms zum Aufstand würd‘ empören.

DRITTER BÜRGER.

Empörung!

ERSTER BÜRGER.

Steckt des Brutus Haus in Brand!

DRITTER BÜRGER.

Hinweg denn! Kommt, sucht die Verschwornen auf!

ANTONIUS.

Noch hört mich, meine Bürger, hört mich an!

BÜRGER.

Still da! Hört Mark Anton! den edlen Mark Anton!

ANTONIUS.

Nun, Freunde, wißt ihr selbst auch, was ihr tut?

Wodurch verdiente Cäsar eure Liebe?

Ach nein! ihr wißt nicht. – Hört es denn! Vergessen

Habt ihr das Testament, wovon ich sprach.

BÜRGER.

Wohl wahr! Das Testament! Bleibt, hört das Testament!

ANTONIUS.

Hier ist das Testament mit Cäsars Siegel.

Darin vermacht er jedem Bürger Roms,

Auf jeden Kopf euch fünfundsiebzig Drachmen.

ZWEITER BÜRGER.

O edler Cäsar! – Kommt, rächt seinen Tod!

DRITTER BÜRGER.

O königlicher Cäsar!

ANTONIUS.

Hört mich mit Geduld!

BÜRGER.

Still da!

ANTONIUS.

Auch läßt er alle seine Lustgehege,

Verschloßne Lauben, neugepflanzte Gärten,

Diesseits der Tiber, euch und euren Erben

Auf ew’ge Zeit, damit ihr euch ergehn

Und euch gemeinsam dort ergötzen könnt.

Das war ein Cäsar: wann kommt seinesgleichen?

ERSTER BÜRGER.

Nimmer! nimmer! – Kommt! hinweg! hinweg!

Verbrennt den Leichnam auf dem heil’gen Platze!

Und mit den Bränden zündet den Verrätern

Die Häuser an! Nehmt denn die Leiche auf!

ZWEITER BÜRGER.

Geht! holt Feuer!

DRITTER BÜRGER.

Reißt Bänke ein!

VIERTER BÜRGER.

Reißt Sitze, Läden, alles ein!

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