Ich nahm mir Bedenkzeit und überlegte ob ich das Folgende schreiben soll. Ich entschied mich fürs Schreiben – nicht weil ich an Besserung glaube, nein, es wird im Gegenteil noch schlimmer werden. Ich entschied mich für das Schreiben weil es uns alle betrifft, egal ob es viele merken und, vor allen Dingen, weil ich es nicht fertigbringen will zu schweigen zu einer offensichtlichen ungeheueren zunehmenden Verblödung, der wir alle ausgesetzt sind.
Zur Sache. Was halten Sie von dem folgenden zitierten Satz? Fällt Ihnen daran etwas auf? Der Satz wurde entnommen aus einem deutschsprachigen Medium.
Weder werde es keine Gemeinsamkeit gegenüber dem Iran und Nordkorea geben, sollten die USA Härte demonstrieren wollen – noch dürften grosse Fortschritte beim Klimaschutz erwartet werden, bei denen China mitspielt.
Die Quellenangabe steht weiter unten. Jetzt schon verrate ich: Es handelt sich um ein “professionelles” Erzeugnis. Es handelt sich um das Produkt von Leuten, die sich erfrechen Geld zu verlangen für ihre Hervorbringungen, die sie auf tote Bäume (Papier) drucken.
Was ist an dem zitierten Satz so ungeheuerlich?
Ich sage es knallhart: Wer es nicht bemerkt, hat gute Chancen auf die Ehrenmitgliedschaft im Club der Verblödeten. Der Satz ist sowohl logisch als auch sprachlich eine Idiotie. Er verneint mit dem Begriffspaar “weder – noch”. Innerhalb des ersten Teils der Verneinung – “weder” – verneint er wieder. Anders ausgedrückt: Er verneint die Verneinung.
Es ist als würde jemand sagen: “Ich habe nicht nicht gegessen.” Wer das sagt, der verneint doppelt und folglich verneint er das Nein => also hat er gegessen.
Der zitierte Satz sagt also: Es wird Gemeinsamkeiten gegenüber dem Iran und Nordkorea geben.
Gemeint aber ist genau das Gegenteil. Um das zu bemerken muss man den Kontext studieren. Man muss den Absatz vorher und den Absatz danach studieren.
Zudem ist der zitierte Satz in sich vom Sinn her widersprüchlich. Er widerspricht sich selbst. Indem er im zweiten Teil – der Teil, der mit “noch” beginnt – eine klare Verneinung bringt wogegen er im ersten Teil – der mit “weder” beginnt – eine Bejahung bringt. Das aber widerspricht den Regeln – falls denn Sprache überhaupt noch irgendeinen Sinn haben soll – wie mit “weder – noch” umzugehen ist: Beide Teile müssen eine Verneinung enthalten. Beispiel: “Es ist jetzt weder Frühling noch Sommer.”
Richtig also wäre gewesen das Wörtchen “keine” wegzulassen:
Weder werde es Gemeinsamkeit gegenüber dem Iran und Nordkorea geben, sollten die USA Härte demonstrieren wollen – noch dürften grosse Fortschritte beim Klimaschutz erwartet werden, bei denen China mitspielt.
Oder besteht kein Unterschied zwischen den Aussagen
“Ich habe kein Geld.” <-> “Ich habe Geld.”?
Dieses oben zitierte Musterbeispiel für dumme und verhunzte Sprache stammt aus der Schweizer Zeitung “Tagesanzeiger”. Ist der Schluß berechtigt, das Menschen, die solch einen Schund, solch einen sprachlichen Dünnschiß, kaufen ihrerseits der Sprache und des Denkens nicht mächtig sind?
Dazu passt, dass Journalismus sich inzwischen als Studienfach ausgibt. Darüber kann ich nur lachen. Ich sage zu dem Studiengang Journalistik oder Publizistik: Wie ist es möglich, dass man derlei als Studium ausgibt und währenddessen lassen bezahlte Profis, bezahlte Kollegen dermaßen die Sau raus, zeigen, dass sie von Sprache soviel Ahnung haben wie der Elefant vom Eiskunstlauf?
Wolf Schneider, Journalist, Sachbuchautor, hat schon vor Jahren in Büchern rebelliert gegen die grassierende Sprachverluderung.
Die Sprachverhuntzung ist aber gewollt. Musterbeispiel ist die hirnlose “Rechtschreibreform”. Politiker, die meisten sind …lassen wir das …, haben absichtlich ignoriert was ausnahmslos alle Schriftsteller gesagt haben. Alle Schriftsteller, alle, haben gewarnt vor der sogenannten Rechtschreibreform.
Merke: Je blöder ein Volk (gemacht) wird desto leichter kann man es verarschen.
Es ist soweit gekommen inzwischen, dass viele überhaupt nichts mehr wissen von dem überaus engen Zusammenhang zwischen Denken und Sprache.
Musterbeispiel ist der oben zitierte Satz.
Wer so schreibt, der kann nicht denken.
Wer nicht denken kann soll nicht behaupten er informiere.
In die gleiche Richtung geht das, was der frühere Doyen der Tagesthemen, Mr. Tagesthemen Ulrich Wickert, diese Woche geschrieben hat über die saumäßige Art öffentlicher Sender sogenannte Information zu treiben:
Hamburger Abendblatt:
Wickert wettert gegen ARD und ZDF
Sprachliche Verlotterung – Mangelnde Einordnung – Fehlender Sinn für Inhalte: Die Kritik des Ex-”Tagesthemen”-Moderators findet Zustimmung – nur nicht bei den betroffenen Sendern.
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P.S. und Update:
Im ersten Kommentar – vielen Dank dafür! – wird gefragt was der Durchschnittsbürger tun kann und es wird festgestellt, daß unsere Kinder diese verhunzte Sprache schon in der Schule lernen müssen.
Ich versuche rasch ein paar Möglichkeiten zu nennen, die mir einfallen.
Durchschnittsbürger
- Keine toten Bäume = Totholzmedien = Zeitungen mehr kaufen. Kanzlerin Merkel stellt der Presse eine Steuersenkung in Aussicht. Warum? Weil es den Zeitungen schlecht zu gehen beginnt. Die USA sind Vorreiter, dort kann man das Sterben von Zeitungen hautnah erleben.
Anzeigen gehen zurück.
Redaktionen werden ausgedünnt.
Meldungen werden vorformuliert von Agenturen und/oder Public Relations Agenturen (lies “Spin Doctors”) übernommen.
Keinesfalls wird kritisch berichtet über große Anzeigenkunden.
Früher warb die damals gute Frankfurter Allgemeine Zeitung mit dem wahren und richtigen Slogan “Information ist Vertrauenssache”. Genau das trifft den Punkt.
Totholzmedien versagen inhaltlich und sprachlich. Wer soll für so etwas Geld ausgeben? - Fernseher abmelden. Aussteigen und Geld sparen indem man den Fernseher abmeldet. Wie beschissen ARD informiert wurde extrem deutlich vergangenes Jahr bei dem ins Gegenteil verdrehten ARD-Interview mit Wladimir Putin. Blogger deckten es auf. Dafür Geld zahlen? Nein danke.
(Aussteigen im weiteren Sinne ist jetzt – leider – schon Thema für immer mehr Menschen, die arbeitslos werden.) - Lesen. Was? Bücher. Beispielsweise Horst Wolfram Geissler oder Schopenhauer. Schopenhauer drohte jedem, der auch nur ein einziges Komma seiner (eigenwilligen) Zeichensetzung verändern würde, Pech und Schwefel an. Heute ist für Absolventen unseres sogenannten “Bildungs”systems Schopenhauer nicht mehr verständlich.
- Bereit sein relativ alleine zu stehen.
Das macht nichts. Das übt ein, was im angesagten aber offiziell geleugneten Systemzusammenbruch (alias Crash, der Richtige steht uns erst noch bevor) überlebenswichtig ist. - Fremdsprachen lernen.
- Alte Kultursprachen lernen. Latein. Griechisch. Latein, um mit einer immer wieder gehörten Legende aufzuräumen, ist so einfach, dass von 753 vor Christus bis 476 n. Christus ein paar Milliarden Kinder diese Sprache einfach assimilierten. Heute gibt es fantastische Lernmethoden, gerade auch für Latein. Ich habe in diesem Blog eine genannt –
Wie man schnell, leicht, einfach und mit Freude Latein lernt
aber es gibt noch eine andere, die so dermaßen einfach und leicht ist, dass ich noch zögere diesen Geheimtipp zu verraten.
Latein macht Denken.
Latein immunisiert.
Latein kann man nicht verhunzen.
Latein ist eine Kultursprache, der heutige Slang der heutigen lingua franca Amerikanisch ist definitiv keine Kultursprache – man vergleiche den Wohllaut des Latein mit dem Klang von Amerikanisch.
Genau deswegen, weil Latein den Zugang schlechthin zu Bildung liefert, genau deswegen wird es seit Jahrzehnten an den Schulen ausgedünnt, verwässert. - Ich kenne Lehrer, die sind Alkoholiker geworden angesichts des Schulbetriebes. Schulen sind Verwaltungsapparate. Das sehen manche nicht. Bei uns müssen Kinder in staatliche Schulen gehen, Heim-Unterricht ist verboten bei uns. Nachdenklich stimmen könnte vielleicht, dass der frühere Schachweltmeister Bobby Fischer - nach Ansicht des heutigen Schachweltmeisters Anand “Der grösste Schachspieler der jemals lebte” – aus der Schule ausstieg weil sie ihn langweilte und genauso stieg aus der Schule aus der kommende Schachweltmeister, der Norweger Magnus Carlsen. Aber ich bin schon beim zweiten Thema…
Zwangsschulverpflichtete
- Zwangsverpflichtete sind auch Erwachsene, die beispielsweise eine IHK Prüfung absolvieren wollen. Auch dort wird es als “Fehler” angekreidet, wenn jemand nicht der Idiotenrechtschreibreform folgt. Was für ein Wahnsinn! Es bekommt also bei dieser “Behörde” derjenige eine bessere Note, der evident ein miserables Sprachgefühl hat. Eine Organisation wie die IHK ist total überflüssig, nebenbei gesagt.
Schulkinder? Welche Chance haben sie? Zwei. Erstens haben manche Lehrer diskret Abstand genommen von der sturen Abbarbeitung der Schlechtschreibreform. Sie hängen das nicht an die große Glocke. Aber sie drehen einem Schulbesucher keinen Strick daraus, wenn er die Sprache beherrscht und folglich abweicht von den von geldgierigen Bürokratenhirnen ersonnenen Schlechtschreibregeln – die Rechtschreibreform war ein goldener Regen für Schulbuchverlage, wie wir wissen. - Die andere Chance ist diese: Schulen sind Verwaltungsapparaturen. Folglich arbeiten sie mit VA = Verwaltungsakt(en). Versetzung beispielsweise ist eindeutig ein Verwaltungsakt. Damit ist Raum eröffnet für das Wirken von cleveren Anwälten (ich bin keiner und gebe erst recht keine Rechtsauskünfte.) Verwaltungsakte können gerichtlich – noch – überprüft werden. Wieweit eine einzelne Benotung ein VA ist muss im Einzelfall geprüft werden. Ich weiss nicht ob schon bei Gerichten, anfangend beim Verwaltungsgericht über die Instanzen bis zum Bundesverfassungsgericht, ausgeklagt worden ist ob man einem Schüler einen Strick daraus drehen kann wenn er die Sprache Schopenhauers verwendet statt das heute amtlich verordnete Stummeldeutsch alias Deutsch für Debile.
Wenn ein Schüler begründet in seiner Arbeit warum er das Richtige “hierzulande” schreibt und nicht den Idiotensprech “Hier zu Lande” dann möchte ich den Schuldirektor sehen, der nicht einknickt. (“Hierzulande” beinhaltet Boden, Gewässer und Luft. “Hier zu Lande” meint “nur auf dem Boden, nur auf dem Land”.) Vor der Schlechtschreibreform konnte man schon durch Zusammenschreibung oder Getrenntschreibung klarmachen, was gemeint war. Heute werden diese Differenzierungsmöglichkeiten staatlicherseits negiert. Also wird die Sprache gröber. Also wird das Denken gröber. Daher schlage ich vor: Gebt angesichts des heutigen Billigabiturs doch einfach jedem Kind mit seiner Geburt schon die Hochschulzugangsberechtigung – in England erleben gerade die Hochschulabsolventen, die uferlos vermehrt wurden, dass eine ganze Generation keinen Beruf Verzeihung, man nennt es ja nun Job, mehr findet.
Zusammenfassung
Erwachsene steigen aus.
Wer Kinder hat, der kämpft.

1 Kommentar
November 20, 2009 um 9:10 am
Sehr guter Artikel!
Stellt sich aber für mich die Frage: Was kann der Durchschnittsbürger genau gegen diese Verblödung tun? Unsere kinder lernen bereits diese verhunzte Sprache…